Vertrauen und Lernkultur – ein Interview mit Günther Wagner

Auf meiner Recherchetour rund um das Thema „wertschätzende Unternehmenskultur“ habe ich VORSPRUNGatwork gefunden. VORSPRUNGatwork ist eine faszinierende Beratungsgesellschaft mit einer bunten Mischung an Mitarbeitern. Auf einer Veranstaltung habe ich den Eindruck gewonnen, dass Vertrauen und sich aufeinander Verlassen in diesem Unternehmen ganz natürlich gelebt wird. Günther Wagner, u.a. verantwortlich für die Redaktion, stand mir für ein Gespräch zur Verfügung.

Lieber Günther, bei einer Veranstaltung hier im Hause habe ich den Eindruck gewonnen, dass hier eine unglaublich Vertrauenskultur gelebt wird. Christian[1] erwähnte, dass er am Vortag nicht wusste, was genau stattfinden wird. Das ist ungewöhnlich. Selbst bei internen Veranstaltungen habe ich das noch nicht gesehen. Wie schafft ihr das?

Günther Wagner: „Vertrauen ist ja nichts Neumodisches. Das gab es schon immer. Je kleiner eine Organisation ist, desto eher kann Vertrauen gelebt werden. Du siehst schnell, ob jemand Vertrauen schenkt oder auch nicht mitliefert. Wir sind 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das ist eine angenehme Größe.

In unserer Gesellschaft, die ja heute immer anonymer gehalten wird, fällt es den Menschen immer schwerer in ihrem Team vertrauensvoll miteinander umzugehen. Das ist ein rein menschliches Verhalten.

Um das zu ändern, ist es sehr wichtig, dass du selbst immer wieder reflektierst: Arbeite ich mit Vertrauen. Vertraue ich jetzt meinen Kollegen, Kolleginnen, Partnern. Denke ich: Die werden das schon machen. Und wenn sie irgendwo hängen, dann werden sie sich von selbst melden und sagen: „Mensch, Günter, Christian, kannst du mir mal einen Impuls geben.“

Das Wichtigste ist also, diese Achtsamkeit zu haben: Arbeite ich selbst auf der Basis von Vertrauen oder habe ich Zweifel. Überlege ich, ob ich etwas kontrollieren muss oder schenke ich echtes Vertrauen?“

Da sind wir bei einem spannenden Punkt: Führung verbessern bedeutet immer, bei sich selbst anzufangen.

Günther Wagner: „Ja, die Grundlage einer jeglichen Führung ist erst einmal die Selbstführung.

Natürlich schleifen sich im Laufe des Lebens bestimmte Rollenmuster ein. Wichtig ist es, dass ich mir bewußt bin, dass ich jetzt so handle. Merke ich, dass ich passend oder nicht passend zu einer Rolle handle? Bin ich so offen und transparent unterwegs, dass sowohl ich als auch mein Gesprächspartner weiß, welches Verhalten er in einer Situation von mir sieht. Lege ich das offen, aus welcher Rolle heraus ich agiere?“

Das erinnert mich an Holacracy. Bei Holacracy kann jeder 10 verschiedene Rollen haben. Da ist es hilfreich, die Argumente und Beiträge den Rollen zuzuordnen. Das schafft Klarheit und reduziert Konflikte. Als Kreativcoach habe ich eine andere Rolle als der Controller.

Günther Wagner: „Da muss ich auch mal irritieren. Dann darf ich auch mal den Hofnarren spielen. Wichtig ist, dass ich selbst mitbekomme: In welcher Rolle bin ich jetzt unterwegs.

Wenn ich einen vertrauensvollen, offenen Umgang pflege, dann löst es auch bei meinem Gesprächspartner Nachdenken aus. Gerade bei großen Unternehmen irritiert das so manche. Da wird hartes Fighten erwartet und wir liefern das nicht. Unsere Kunden erleben, dass wir mit ganz viel Offenheit und Transparenz reingehen. Das ist für viele ungewohnt und für manche Organisation schwer zu ertragen.“

[1] Dr. Christian Kuglmaier, Geschäftsführer der VORSPRUNGatwork GmbH

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Also lebt ihr Offenheit, Transparenz und Vertrauen und bringt diese Werte auch in die Zusammenarbeit mit den Kunden ein?

Günther Wagner: „Ja! Wir nennen uns VORSPRUNGatwork. Lass uns diesen Namen doch mal zerlegen. Vorsprung, das heißt, dass wir Unternehmen beim Sprung in die Zukunft begleiten. Gleichzeitig bedeutet es, dass wir vorausspringen. Was wir beim Kunden umsetzen und begleiten, das haben wir alles bereits selbst erlebt und umgesetzt. Das Durchleben wir mit allen Hürden, Widerständen, Ängsten und Zweifeln.

Für die neue Arbeitswelt gibt es keine Blaupause. Du kannst nicht sagen: New Work sieht genau so aus. Wir sind in einer Zeit gewaltiger Veränderungen. Ich vergleiche das gerne mit der kambrischen Explosion. Die Ursuppe, in der Lebensformen noch keine Augen hatten, war trübe. Dann gab es eine Anreicherung an Sauerstoff und die Ursuppe wurde klarer. Das hat eine unglaubliche Vielzahl an Lebensformen ermöglicht. Hätten wir damals die Bewohner der Ursuppe befragt, wie die Zukunft aussieht, hätten sie vermutlich gesagt. „Na ja, da wird es vielleicht so etwas wie mich geben, vielleicht noch mit ein oder zwei Fühlern mehr.

Wir schwimmen heute auch in einer Art Ursuppe. Die Digitalisierung bringt den Sauerstoff, die Klarheit, die Transparenz in unsere heutige Ursuppe. Welche Vielfalt daraus entstehen wird, können wir nicht abschätzen.

So wird es auch eine Vielzahl an Organisationsformen geben, die wir heute noch gar nicht erahnen.“

Gerade dafür ist ein Umfeld notwendig, in dem Kreativität möglich ist. Vertrauen und ein guter Umgang mit Fehlern sind wichtige Voraussetzungen für Kreativität. Beides gehört zusammen, wie zwei Seiten einer Medaille. Wie geht ihr mit Fehlern um? Bzw. was ist überhaupt ein Fehler?

Günther Wagner: „Ich denke mal, ein Fehler ist noch eine Definition aus einer alten Zeit. Du erinnerst dich vielleicht noch an deine Schulzeit. Es wurde rot markiert. Und es wurde nicht gesagt, was du alles richtig gemacht hast. Wenn ich mich auf neue Felder begebe, werde ich Erfahrungen machen. Und diese Erfahrungen werden mir zeigen, was ein zweckmäßiger Lösungsweg ist, um das Problem zu lösen.

Also das was im alten Wording Fehlerkultur heißt, haben wir übersetzt in Lernkultur. Wir fragen uns: Welche Lernkultur brauchen wir, um bestimmte Herausforderungen zu lösen? Das ist nicht einfach ein Wortersatz, sondern eine andere gelebte Haltung. Beim Lernen entsteht eine intrinsische Motivation. Lernen ist in die Zukunft gerichtet.

Da können wir viel von Kindern lernen. Wenn ein Kind einen Turm baut und ihn dann wieder einstürzen lässt, dann sagt das Kind nicht: „Da habe ich einen Fehler gemacht“ Nein, es freut sich und baut den nächsten Turm.“

Dennoch gibt es manchmal Fehler. Ein typisches Beispiel: In einem IT-System ist als Mengeneinheit 1000 Stück hinterlegt. Und der Einkäufer übersieht die Mengeneinheit und gibt die einzelne Stückzahl ein. Wie geht das jetzt zusammen mit der Lernkultur?

Günther Wagner: „In einer Lernkultur frage ich: Wie kann ich da in Zukunft verhindern?

Ich will es noch weiter differenzieren. Es gibt Verhaltensweisen, die müssen so sein, wie sie sein müssen, weil sie sonst mit Leben und Tod bezahlt werden. Nehmen wir Fliegerei oder einen Chemiebetrieb. Du kannst nicht einfach ein Ventil öffnen und schauen, was passiert. Da gibt es festgelegte Handlungsalgorithmen, wie auch in der Fliegerei. Da gibt es Checklisten und erst wenn Punkt 1 geprüft ist, kommt Punkt 2 dran. Andere vor uns haben bereits die Erfahrung gesammelt. Viele dieser Vorschriften wurden mit Blut geschrieben. Das müssen wir nicht nochmal ausprobieren und lernen.

Nimmst du aber mal das Gegenbeispiel: Feuerwehr, die in sehr gefährliche Bereiche geht. Die Feuerwehrleute werden trainiert, sich langsam an bestimmte Sachen heranzuarbeiten. Da wird nicht gesagt: Du musst das so und so machen. Sie werden langsam herangeführt. Sie sammeln mit jeder Übung selbst die Erfahrungen, wie sie mit bestimmten Extremsituationen umgehen sollen. Das üben sie immer wieder, bis sie es verinnerlicht haben. Aber sie haben eben nicht ein fest vorgegebenes Muster, sondern machen selbst diese Erfahrungen.

Um auf das Beispiel mit der falschen Stückzahl zurückzukommen: In einer Lernkultur kann der Mitarbeiter offen darüber sprechen. Und so wird die Möglichkeit geschaffen, das Problem vielleicht noch rechtzeitig zu beheben, so dass kein Schaden entsteht.“

Lieber Günther, ich danke dir für dieses Gespräch.

Günther Wagner ist HR Influencer, Autor, Speaker, Experte für Change Management und Leadership und bei VORSPRUNGatwork verantwortlich für die Redaktion. Sein Herzensthema ist die New Work Safari:

 

New Work ist ein unternehmerisches Abenteuer, eine Safari. Und genau das spornt mich persönlich sehr an. Mich interessiert, wie Unternehmen, Führungskräfte, MitarbeiterInnen New Work auffassen und verstehen, wie relevant New Work für einzelne ist und welche Herausforderungen in Bezug auf New Work im Raum stehen.

Dazu habe ich eine „New Work Safari“ – eine Reise, wo ich dieser Transformation in den verschiedensten Bereichen unserer Gesellschaft auf den Grund gehen möchte: Zu Organisationen und Institutionen, dorthin, wo es bereits läuft, wo es kritisch betrachtet wird, zu WissenschaftlerInnen, u.a.“

2018-10-14T17:56:59+00:00 Oktober 7th, 2018|

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