Feelgood-Management für Nerds – ein Interview mit Sandra Fritsch

Auf meiner Recherchetour rund um das Thema „wertschätzende Unternehmenskultur“ bin ich Sandra Fritsch begegnet. Sandra Fritsch ist zertifizierte Feelgood-Managerin bei der Silbury Deutschland GmbH. Mich hat interessiert, wie Silbury auf die Idee gekommen ist, Feelgood-Management zu machen und wie sie dieses Thema im Unternehmen gestartet haben.

Liebe Sandra, du bist Feelgood-Managerin bei Silbury. Wie bist du zu dieser Aufgabe gekommen?

Sandra Fritsch: „Ich habe 2015 bei Silbury angefangen. Markus Neubauer, der Gründer und Geschäftsführer von Silbury, und ich kennen uns schon über 20 Jahre. Als ich 2015 eine Veränderung gebraucht habe, hat Markus mich in sein Unternehmen geholt. Das war erst einmal in einer recht offenen Funktion.

Inzwischen ist mein Verantwortungsbereich bei Silbury Controlling und Feelgood-Management.“

Gab es zu dieser Zeit schon Feelgood-Management?

Sandra Fritsch: „Es gab schon immer kostenlos Wasser, Obst und z.B. verschiedene Teesorten. Viele verstehen darunter bereits Feelgood. Aber das hat mit Feelgood-Management wenig zu tun.

Wir sind in den letzten Jahren stark gewachsen und so kam das Thema auf: Was brauchen wir? Wie wollen wir zusammenarbeiten? Was verstehen wir unter Feelgood?“

War denn der Begriff Feelgood zu diesem Zeitpunkt schon da?

Sandra Fritsch: „Ja, der Begriff war da, aber das Verständnis bei den Mitarbeitern war nicht da.“

Wie kommt man als Firma auf die Idee und den Begriff „Feelgood“? Als ich diesen Begriff das erste Mal gehört habe, hat er mich zunächst tatsächlich etwas irritiert.

Sandra Fritsch: „Noch schlimmer ist Happiness-Manager. Das klingt wie der Büro-Clown. Markus ist viel unterwegs in anderen Firmen, im Silicon Valley, in Asien und holt sich Inspiration. Von diesen Reisen hat er den Begriff Feelgood mitgebracht.

Er wollte sein Unternehmen zu einer Feelgood-Company werden lassen. Das Problem war ursprünglich das noch fehlende Verständnis bei den Mitarbeitern. Es musste klar werden, dass ein Feelgood-Manager nicht für die Bespassung verantwortlich ist“

Wie definierst du die Aufgaben eines Feelgood-Managers?

Sandra Fritsch: „Es geht darum eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir alle gut miteinander arbeiten können. Es ist wichtig, dass sich alle wohlfühlen. Gleichzeitig ist jeder gefordert, seinen Beitrag zu leisten. Es erfordert Eigeninitiative, um sich wohlzufühlen. Diese Initiative aus dem Team zu kitzeln, sehe ich als meine Aufgabe.“

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Wie viele Leute seid ihr jetzt bei Silbury?

Sandra Fritsch: „Als ich hier angetreten bin, hatten wir gerade mal 20 Mitarbeiter am Standort Fürth. Jetzt sind wir 56 und haben Platz für 80 Mitarbeiter. Wir wachsen kontinuierlich. 2017 sind wir um 17 % gewachsen. Dadurch entsteht viel Veränderung und es kommt immer mehr auf die richtige Kultur an.

Wir haben hier z.B. keinen Facility-Manager. Wir haben auch keine Hausfee, die hinter jedem herräumt. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, seine Tassen in die Spülmaschine zu räumen. Das ist nicht immer leicht. Ich habe schon einige Male gehört: Sandra, du bist doch Feelgood-Manager, kannst du mal? Sandra, die Milch ist alle, …

Meine Antwort ist einfach: „Ich erklär dir gerne, wie das geht. Da drüben ist ein Supermarkt. Dort kannst du Milch für alle holen und dann gibst du die Quittung in der Buchhaltung ab und bekommst das Geld erstattet.“

Das soll jeder machen, der sieht, dass Milch aus ist, oder irgend etwas anderes?

Sandra Fritsch: „Wir haben eine Teamassistenz, die macht regelmäßig Bestellungen. Aber es gibt Situationen, wie gerade in diesem Sommer. Es ist lange heiß und jetzt ist das Wasser aus. Die regelmäßige Lieferung kommt erst am Donnerstag. Entweder wird heute vermehrt Tee getrunken oder vielleicht geht einer in den Supermarkt und holt einen Kasten Wasser extra. Wir machen es nicht, dass alle bedient werden.

Aktuell entwickeln wir unsere Werte. Wir definieren, was uns wichtig ist und was wir brauchen, um unsere Ziele zu erreichen und hier eine gute Arbeitszeit miteinander zu verbringen.

Durch die Ausbildung habe ich ein viel tieferes Verständnis für Feelgood-Management gewonnen. Ich habe verstanden, dass Kultur nur durch alle gemeinsam entstehen kann. Jede Firma hat eine andere Kultur und diese Kultur entsteht nur durch das Miteinander. Man kann nicht die gewünschte Kultur auf Anweisung von oben verteilen. Die Firmenleitung muss diese Kultur wollen und vertreten und den nötigen Freiraum geben, sie entstehen zu lassen.“

Also Markus hatte die Idee, dass Feelgood-Management hier wichtig ist. Wie hast du dann die professionelle Ausbildung dazu gefunden? Oder wie war klar, dass du das machst?

Sandra Fritsch: „Ich bin ein sehr emphatischer Mensch und die Idee hat mir gut gefallen. Mein Gedanke war: Das brauche ich für mich, das fordert mich und da kann ich gestalten. Außerdem habe ich alles, was man braucht: Empathie, Lebenserfahrung, Feingefühl für die Menschen, und ihre individuellen Standpunkte und Respekt. Dies fordere ich auch bei den Kollegenein. Man muss nicht best friend sein, aber jeder muss seinem Gegenüber mit Respekt begegnen.“

Machst du das jetzt zu 100 %

Sandra Fritsch: „Nein, ich bin auch für das Controlling zuständig. Ich würde mir wünschen 60 % Feelgood und 40 % Controlling innerhalb meiner 30-Stunden-Woche. Das ist aktuell nicht zu schaffen. Derzeit ist es mehr Controlling, weil unser Wachstum ja auch auf sicheren Beinen stehen soll.“

Du hast ja hier schon eine Basis geschaffen, noch bevor du die Ausbildung gemacht hast. Wie habt ihr den Grundstein für Feelgood-Management gelegt?

Sandra Fritsch: „Wir hatten 2016 erkannt, dass wir neue Büroräume benötigen. Da wurde die Entscheidung getroffen, die gemeinsam mit den Mitarbeitern zu gestalten. Die Bedürfnisse der Kollegen einfließen zu lassen war der Grundstein für eine Feelgood-Kultur.

Zur gleichen Zeit hat Microsoft in München das neue Bürogebäude eröffnet. Microsoft hat jetzt eine Clean Desk Policy, d.h. es gibt eine bestimmte Anzahl an Arbeitsplätzen und jeder sucht sich den Arbeitsplatz, den er möchte. Das haben wir auch für uns durchgespielt.

Bei Umfragen mit den Mitarbeitern wurde schnell klar, das wird nicht funktionieren. Jeder hier möchte seinen eigenen Platz.

Nach den ersten Überlegungen haben wir einen ganz tollen Schreiner aus Forchheim gefunden. Wir haben auch ihn einbezogen und Ideen mit ihm besprochen. Er war bei uns, um uns kennenzulernen und zu verstehen, wer wir sind. Wir sind nicht klassisch. Wir funktionieren nicht nach Standard. Er hat das verstanden und hatte Lust mit uns zu arbeiten.

Wir arbeiten viel in agilen Teams, also war unsere erste Idee: Wir machen Team-Schreibtische, Team-Inseln. Wir fanden die Idee ganz toll und haben uns Prototypen für 8 Personen bauen. Das hat er gemacht. Es hat nicht funktioniert. Die Menschen sind nicht gleich groß!“

Da kannst du wahrscheinlich ein Lied davon singen: Wenn du mit einem 2m-Mann an einem Tisch sitzt, kannst du nur noch knapp über die Tischkante schauen, 😉

Sandra Fritsch: „Allerdings! Das haben wir ganz schnell gemerkt. Unser Fazit war: Wir brauchen höhenverstellbare Einzeltische. Unser Schreiner hat eine super Lösung gefunden. Er hat uns 80 leicht verstellbare Schreibtische gebaut, die wir sogar auch mal für Teamarbeit im Stehen nutzen können.

Nach diesem Schema haben wir die Gestaltung unseres Headquaters weiter vorangetrieben. Wir wollten einen langen Esstisch in der Küche, an dem alle zusammensitzen. So ist dieser 7m-Tisch entstanden. Das gleiche mit dem Whiteboard-Tisch im Besprechungszimmer. Das wurde passend zu unseren Bedürfnissen individuell für uns angefertigt.

Den Umzug haben wir auch mit den Mitarbeitern gemeistert. Wir haben es jedem selbst freigestellt. Wer möchte, kann beim Umzug helfen. Wer nicht möchte, kann einen Tag frei nehmen. Wir waren 20 Mann, also ein Großteil des Teams, das damals den Umzug gestemmt hat.

Damals hieß es für uns „Ab auf die Baustelle“. Das Erdgeschoß, das Foyer war noch nicht fertig. Das Erdgeschoß war ursprünglich für die Geschäftsführung und Verwaltung geplant.  Da das noch eine Baustelle war, sind wir vorübergehend in die Bürofläche im zweiten Stock mit eingezogen. Inzwischen steht fest, dass wir bleiben. Es ist toll, bei den Kollegen zu sitzen. Das passt zu unserer gewünschten offenen Kultur.“

Hattet ihr vorher einzelne Büros?

Sandra Fritsch: „Ja, vorher waren maximal 6 in einem Büro. Das offene Konzept der neuen Räume wurde super gut angenommen. Allerdings kommt jetzt eine neue Herausforderung. Es ist teilweise sehr laut. Jetzt müssen wir eine Lösung finden, wie diejenigen, die still und konzentriert arbeiten möchten, das auch ungestört tun können.

Also habe ich bei unserem regelmäßigen Barcamp, eine Session einberufen. Die Fragestellung war: Wie können wir unsere Akustik im Büro verbessern, unabhängig von den Akustik-Panels, die noch nachgerüstet werden.

Im Team sind sehr schnell darauf gekommen, dass es im Wesentlichen um Respekt geht. Wenn ich mich bespreche will, dann ist es wichtig, dafür auch die zahlreichen anderen Räume zu nutzen, die genau dafür zuhauf vorhanden sind.

Wir haben gemeinsam ein Probekonzept erarbeitet. Wir wollen eine Deep Working Time von 9 – 12 Uhr als Ritual einführen. In dieser Zeit gibt es in den Team-Bereichen keine Konferenzen oder lange Telefonate. Dafür kann jeder einen der unteren Räume reservieren. Auch werden Zurufe wie: ‚Du, kannst du mal kurz kommen?‘ vermieden. Dafür nutzen unser internes Kommunikationstool. Wenn du eine Nachricht schreibst und der andere reagiert nicht, dann ist klar: Nein, es geht jetzt nicht!

Das werden wir zwei Monate testen und danach werde ich eine Umfrage bei allen Mitarbeitern machen: Sollen wir das weiterführen? Was können wir verbessern? Müssen wir etwas anderes erfinden?“

Eine letzte Frage: Du hast dieses Bild der Wüste als Symbol für Eure Kultur ausgewählt. Was bedeutet das für dich?

Sandra Fritsch: „Eine Wüste ist immer in Bewegung. Sie verändert sich ständig, genau so ist das auch mit der Kultur bei Silbury. Schon alleine dieser agile Ansatz mit Build, Meassure, Learn zeigt den permanenten Wandel. Wichtig ist, das zu akzeptieren und gleichzeitig die Kultur immer im Augenmerk zu behalten. Denn eines muss immer gegeben sein: Wir wollen gemeinsam mit gutem Gefühl am Erfolg von Silbury und unserer Kunden arbeiten.“

Vielen Dank, liebe Sandra, für diesen Einblick in das Feelgood-Management bei Silbury.

Sandra Fritsch ist zertifizierte Feelgood-Managerin und Controllerin bei Silbury. Ihre Vita ist gekennzeichnet von unzähligen Jahren in einem Konzern. Dieses Korsett empfand sie irgendwann als zu starr. Sie hat bei Silbury, gerade mit dem Thema Feelgood-Management eine neue Herausforderung gefunden, die ihr viel Gestaltungsspielraum bietet.

Mehr zum Thema Feelgood-Management finden Sie in meinem Interview mit Monika Kraus-Wildegger. Was macht ein Feelgood-Manager?

Monika Kraus-Wildegger hat in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut den Qualitätsstandard für das Berufsprofil des Feelgood Managers entwickelt und ist Anbieter der GOODplace Certified Feelgood Manager Ausbildung.

In unregelmäßigen Abständen führe ich Gespräche mit interessanten Menschen, die einen Beitrag rund um das Thema wertschätzende Unternehmenskultur leisten können. Haben Sie Interesse, darüber informiert werden, sobald ein neues Interview oder spannender Beitrag zu diesem Themenbereich veröffentlicht wird?

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